eReader, eInk der Leseapparat und wir

kindle_bbNatürlich fragen wir uns warum nicht, warum es dem Gelesenen egal ist, worauf es steht, womit es transportiert wurde. Der Text dringt in uns ein, wie Wasser, das wir nach dem Laufen aufsaugen. Er fließt durch die Augen über die Sehnerven zum genau entgegengesetzten Ende des Gehirns, der primären Sehrinde. Warum die eigentlich am entgegengesetzten Ende des Gehirns beheimatet liegt, habe ich mich bisher nie gefragt und kann ich – trotz meiner medizinischen Vorbildung – nicht erklären. Nun, die Reise des Textes vom Buch in unsere mentale Welt hat ja auch damit eigentlich erst begonnen. Wir schließen in automatisierten Vorgängen aus den uns bekannten Zeichenmustern auf Wörter und Inhalte, die dann rasch gefärbt von Emotionen in uns versuchen zu erkennen, was die Bedeutung dessen ist, das wir vor Augen hatten und gelegentlich Gähnen und gelegentlich Interesse auslösen.

„Für mich ist ein Buch sinnlich und lässt mich Text und Inhalt begreifen“. Inhalt auch? Vielleicht. Wir sind es schlicht so gewohnt (gewesen). Den auf Papier aufgedruckten Text begreifen, das kann ich nachvollziehen. Den Inhalt eher nicht. Das haptische, sinnliche, körperliche ist das Anfassen, der Warencharakter des Buches, der Zeitschrift, des Textes. Die Farben, das Gewicht, der Geruch, der Charakter der Grafik auf dem Cover. Davon, geht eine eigene Botschaft aus. Vielleicht. Vielleicht ist aber auch nur der Text bzw. dessen Inhalt davon entstellt oder gar gefangen.

Schon länger lesen wir nun nicht mehr ausschließlich auf dem Träger Papier. Wir lesen auf dem Handy, auf Bildschirmen von Computern, auf Fernsehern, auf Anzeigen im Auto, Touchscreens am Fahrkarten- und Anschlußflugfindehiflsautomaten am Flughafen.

Nun lesen wir auch auf den kleinen elektronischen Lesegeräten, den eReadern, den Leseapparaten. Warum haben wir eigentlich mal wieder kein deutsches Wort dafür? Wie immer und auch beim „public viewing“ benutzen wir noch ein wenig der deutschen Sprache beheimateten kein Wort unserer Sprache dafür. „Öffentliches Glotzen“ sagt niemand, warum nicht? Es klingt zu simpel. Es ist kein Terminus technicus. Es klingt zu banal. So banal, wie es auch ist.
eReader klingt interessanter, moderner als Leseapparat. Es meint das selbe. Ein Gerät mit einem Text und Bilder speichernden Inneren, das eben dieses auf einem Papier imitierenden Bildschirm präsentiert.
Auf einem eReader ist der Text dann freigesetzt aus elektronischen Schaltkreisen zu einer Maschine-Mensch-Schnittstelle gebracht, die für unsere Augen zugänglich ist und für unser Gehirn entzifferbar wird. Kulturhistorisch vielleicht schwach vergleichbar mit der Druckerpresse von Gutenberg. Nachdem sich Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts niemand ernsthaft vorstellen konnte, dass man in 10-15 Jahren überall telefoniert, SMS verschickt in minütlichem Rhythmus oder gar von diesem und jenem mit dem Handy erstellte Fotos auf elektronische Server in einer imaginären „Cloud“ ablegt, so hat sich niemand mehr über die – der Einführung der Eisenbahnen mit sagenhaften und ungemein gefährlichen Geschwindigkeiten von 38 Stundenkilometern – vergleichbaren Gefahren des Lesens auf elektronischen Leseapparaten aufgeregt. Vielleicht weil diese in der alten Welt noch nicht wirklich wahrgenommen, in der sogenannten neuen Welt schon dem papierbeförderten Text den Rang abgelaufen haben, dessen Bedeutungserfassung wir noch vor uns herschieben. Warum auch nicht? Schließlich wird die Geschwindigkeit der elektronischen Innovationen, die auch unseren persönlichen und kulturellen Zusammenhang umkrempeln, nahezu exponentiell, ohne dass wir begreifen, wie sich unser Leben dadurch verändert.

Befreit also das Lesen des Textes auf elektronischen Leseapparaten den Text von der Fessel des Papiers? Ja, eindeutig! Der Text ließt sich anders, er „fühlt“ sich anders an, als der Text auf Papier. Der Text erhält mehr als auf Papier das Wahrnehmungsgewand des Imaginären. Er rückt durch die Erfahrung mit dem „eInk“ generierenden Apparat ein Stück näher an das, was er ist. Ein vom Trägermaterial unabhängiges Gebäude von Gedanken, Glauben, Sinnlosigkeiten und Emotionen. Die Aufbereitung in verschiedener Schriftauflösung und unterschiedlicher Seitendarstellung, noch dazu mit unterschiedlichen Schriften entfesselt den Text vom Trägermaterial Papier. Es lässt ihn unabhängiger werden. Und das nicht nur weil der Text zuvor in Form von Elektronen oder Lichtquanten durch Kabel oder von Funkwellen durch die Luft geflogen ist. Es gibt dem Text den Charakter unabhängiger vom Übermittlungsmedium zu werden. Vielleicht wird es dem Text damit gerechter? So what?

Jedenfalls kann Opa und Gaby den Text auf dem elektronischen Leseapparat besser auch größer Lesen, als aus dem schweren Buch. Er/Sie kann – falls er/sie Texte in einer Fremdsprache liest – mit der Fingerkuppe die Bedeutung des fremden Wortes oder des deutschen Fremdwortes in Form eines rasch angezeigten, bereits richtig aufgeschlagenen Lexikons ablesen und nicht erst nachschlagen. Der Text hätte vielleicht gern, dass er besser verstanden wird. Und manche sagen, ihr Fremdwortschatz habe sich seit Beginn des Lesens von Fremdsprachentexten auf dem Leseapparat rasch vergrößert. Ob der Text besser ist als der seit Jahrhunderten auf Papier gedruckte, darf bezweifelt werden und wird nicht vom Trägermedium abhängen. Der elektronische Leseapparat befördert das auskramen, runterladen und eben auch das Lesen von alten Texten, von Klassikern, auch – aber nicht nur – weil sie kostenlos verfügbar sind. So trägt der Leseapparat zur Verbreitung von Texten und Übertritten in Gehirne von neue Generationen bei.

Ob der Text besser verstanden wird, auch das scheint in vielen Fällen zumindest möglich mit der elektronischen Tinte, wie auch, dass Lea einen vielleicht viel leichteren Tornister auf dem Rücken zur Schule trägt, weil statt 8 schweren gedruckten Büchern nur ein schmaler elektronischer Leseapparat drin steckt, neben dem Schreibzeug, das ggf. irgendwann vom „Touchscreenschreiben“ abgelöst wir.

So viel, jetzt zerknülle ich meine alte Zeitung (von gestern), um damit den zu verschickenden Leseapparat im Paket zu polstern. So hat alles seine Vorzüge und Nachteile.

von Vincke

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