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Staatsfeinde Nr. 1 – Assange und Wikileaks oder moderne Till Eulenspiegel?

Julian Assange – Welt-Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Till Eulenspiegel?

So oder ähnlich steht es um einen der Hacker-Ethik verpflichteten Mann, der innerhalb weniger Jahre die aufmerksamkeitsträchtigste Website der Welt aufgebaut hat.

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Man hat den Eindruck, der Mann hat hunderte Amerikaner umgebracht. Es wird viel über Cablegate geschrieben. Viele Peinlichkeiten stehen in den von Wikileaks veröffentlichten Cablegate-Papieren. Aber so wirklich neues kaum. Aha, die Diplomaten sind auch Alltagsmenschen. Sie beschrieben Politiker wie sie auch von Normalbürgern gesehen werden. Selbst Aussenminister Westerwelle bleibt da gelassen und auch die Kanzlerin. Sie zeigt dem Außenminister öffentlich eine auf Leaks basierende Karikatur von ihnen beiden. Capeau! Die hat wenigstens Humor.

Das kann man von der US-Administration nicht behaupten. Na klar, peinlich sind die sogenannten Enhüllungen gelegentlich schon. Aber am meisten ärgert die Supermacht Nr. 1 wohl, dass da ein dahergelaufener Hacker mit wenigen Hunderttausend-Euro-Budget ihnen einen Spiegel vorhält. Das hat was von Till Eulenspiegel. Nur ist es viel gefährlicher. Aus Kanada kam ja kürzlich schon der Wunsch Assange zu töten. Die USA würden ihn lieber heute als morgen einsperren und mundtot machen, bestenfalls. Da bleibt die deutsche Kanzlerin doch angenehm gelassen, wenigstens in der Öffentlichkeit. Eigentlich wundert man sich, dass der lange als besonnen angesehende amerikanische Präsident Barack Obama nicht zur Mäßigung beiträgt. Obama muss ganz schön angeschlagen sein. Von den Idealen, die er vor seiner Wahl verkörperte, ist nur noch wenig übrig geblieben. Er ist vollends angekommen in der Welt der Realpolitik. Vom Strahlen der Anfangstage ist nichts übrig. Die USA fühlen sich doch tatsächlich  in einem Cyberwar mit Wikileaks und Assange. Unglaublich! Es scheint nur noch Feinde zu geben für die einst so stolze Nr. 1 der Weltmächtigen. Assange auf dem gleichen Level zu handeln wie die/den Verursacher von 9/11 ist schon an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Wo bleiben die Gedanken der Aufklärung und der amerikanischen Verfassung. Die USA üben massiv Druck auf private amerikanische Firmen aus Wikileaks die Infrastruktur zu entziehen und die Webseite zu sabotieren. So hat Amazon Wikileaks auf Druck amerikanischer Politker aus seiner Cloud verbannt. Paypal, eine Ebay-Tochter,  nimmt ebenfalls auf Druck keine Spenden für Wikileaks und Assange und die Wikileaks unterstützende Wau-Holland-Stiftung mehr an. EveryDNS.net, ein amerikanischer  DNS-Service-Provider, hat seine Dienste für Wikileaks aufgekündigt. Damit war die Website wikileaks.org vorüberbehend nicht alphanumerisch zu erreichen. Die Website ist massiven DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service) ausgesetzt, um sie auszuschalten.

Wikileaks hat einigen Weltblättern wie dem Spiegel, The Guardian, The New York Times vorab Dateien zur Verfügung gestellt. Diese haben das Material verwendet und darüber berichtet. Wer liest sich denn auch sonst 250.000 Dokumente durch, um schließlich zu wissen wie die US-Diplomatie so über die deutsche Kanzlerin, den italienischen Ministerpräsidenten oder den französischen Staatspräsidenten denkt. Was wäre eigentlich passiert mit den Wikileaks zugespielten Daten, wenn es Wikileaks nicht gegeben hätte. Derjenige, der sie Wikileaks zugeschickt hat, hätte sie vermutlich einer oder mehreren der großen Zeitungen oder Journale zugeschickt und diese hätten sie dann direkt bearbeitet und veröffentlicht.  Wie wäre sonst Watergate oder die Spiegelaffäre ans Licht gekommen, wenn nicht große Zeitungen darüber berichtet hätten. Heute gibt es außer den großen Zeitungen halt Blogger und Webseiten, die direkt ihre Meinung veröffentlichen. Im Prinzip kann dies nun in den Zeiten des Internet jeder. Und das ist sicherlich auch gut so. Das fördert die Meinungsvielfalt und tut letztlich der Demokratie, der Freiheit und der Moderne gut.

Die USA hat es nun auf Wikileaks erwischt und in letzter Zeit öfter. Afghanistan, Irak, etc. Ja, man kann sagen in der letzten Zeit waren die Veröffentlichungen von Wikileaks etwas einseitig in Richtung Westen orientiert. Da bedeutet ja nicht – wie der lese- und schreibkundige – Leser ohnehin weiß, dass es etwa in Russland oder China (von Norkorea mal ganz abgesehen) prinziell besser steht um Bürger- oder Menschenrechte. Sicher nicht. Auch heute sind die westlichen Demokratien – bei allen Problemen – sicher, was die Menschen- und Bürgerrechte angeht, den genannten um Meilen voraus. Wir können schließlich hier eine ebensolche Diskussion über Wikileaks führen. Allerdings muss sich der Kopf von Wikileaks, Assange, verstecken als wäre er mit einer islamischen Fatwa, ähnlich Salman Rhusdie, zum Tode belegt. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass diese Dinge gerade unter einem als liberal angesehenen amerikanischen Präsidenten passieren. Aber Guantanamo ist eben auch noch nicht aufgelöst, wie Obama vor seiner Wahl versprochen hatte. Die westliche Welt sollte acht geben, dass sie nicht ihre Glaubwürdigkeit in den Weiten des von ihr entwickelten Internets verliert. Wikileaks hat ja längst nicht nur Material über die USA veröffentlicht. Eigentlich dürfte die Zielrichtung nicht ein Staat sein, sondern das Prinzip der Transparenz. Helfen würde nur, wenn die Marsmännchen Assange als einen der ihren erklären würden, um ihn unter ihren Schutz zu stellen, da die veröffentlichten Dokumente vieles auf der Erde – und nicht nur den USA – transparenter machen. Ich frage mich natürlich schon, warum die USA die Daten meiner innerdeutschen oder innereuropäischen Geldüberweisungen via SWIFT-Abkommen zugestellt bekommen. Da soll mal einer sagen, das sei was für die amerikanische Behördenöffentlichkeit. Aber das ist ja legal. Die Frage nach der Legalität hat viele Facetten. Nicht alles legale ist moralisch gut und vertretbar und nicht alles illegale ist moralisch schlecht. Davon weiss z. B. die in ihrer Jugend in der DDR lebende deutsche Kanzlerin eine ganze Menge.

Die Frage ob es gerechtfertigt ist all die Dinge, die Wikileaks veröffentlicht hat, zu veröffentlichen, wird derzeit viel diskutiert (z.B. in “Bild”, Süddeutsche Zeitung” und der “Zeit”). Vor allem bei der Zeit fällt auf, dass sie den Eindruck hat – bei den Vorabinformationen an die von ihr beschriebenen “Weltblätter” wie den Spiegel, Guardian, etc. – schlicht übergangen worden zu sein, so heftig kritisiert sie das Vorgehen der Konkurrenzblätter und hält die letzten Aktionen von Wikileaks für überzogen. Aber wer hat derzeit schon all die Infos gelesen. Kürzlich wurde publik, dass in den Depeschen stehe, dass Gaddafi Nuklearmaterial hat rumliegen lassen, aus Ärger über die ihm nicht gegebene Genehmigung sein Zelt in New York aufzuschlagen. Oder gerade meldet die New York Times, dass chinesische Führer im letzten Jahr so verärgert waren und Google-China abstraften, sei darauf zurückzuführen, dass sie sich selbst gegoogelt hätten, habe in den Cable-Dokumenten gestanden. Was da so drin steht kann erst im laufe der Zeit beurteilt werden. Jedenfalls führt wohl in vielen Ländern der Inhalt der Daten zur Belastung der Beziehungen zu den USA.

Dabei kommt man naturgemäß zu der Frage ist es “ok” geheim gehaltene Dinge zu veröffentlichen. Unschwer erkennbar dabei ist, dass es bei der Beantwortung dieser Frage natürlich auch den Standpunkt und die Sicht der Welt und natürlich auf die geheim gehaltenen Dinge selbst ankommt. Aber vielleicht zunächst die Frage nach der Legalität. Die ist wohl leichter zu beantworten. Till Eulenspiegel

Wäre die Veröffentlichung illegal, dann hätten die schon erwähnten “Weltblätter” wie Spiegel, Guardian, New York Times große Probleme. Hätten diese Zeitungen die Dokumente per Post (ohne Absender) erhalten und veröffentlicht, dann würde eigentlich niemand in der Kritik stehen. Allenfalls der unbekannte Versender, der vielleicht die Infos illegal den Eignern entzogen hat. Sollte doch eines der Weltblätter angegriffen werden und sei es durch Kritik, Justiz oder Hacker, würden viele andere Weltblätter ihren Journalistenkollegen zur Hilfe eilen. Derzeit bricht sich aber ein anderes Phänomen bahn. Viele der von Wikileaks mit Vorabinformationen eben nicht bedachte Weltblätter (in Deutschland z.B. Zeit, FAZ) schießen sich ein auf die von ihnen für mehr oder weniger psychopatisch gehaltene Persönlichkeit von Julian Assange. Assange wird im wesentlichen von denselben Weltblättern, die die von Wikileaks verbreiteten Informationen über den Afghanistaneinsatz oder den Irak nutzten als selbstdarstellerischer Psychopath dargestellt. Natürlich, ohne eine spezielle Persönlichkeitsstruktur kann wohl niemand so schnell eine so – letztlich – beachtete Organisation aufziehen unter so großen persönlichen Risiken für Freiheit, Freizügigkeit und eben auch das eigene Leben. Hier lediglich die Triebfeder in einer psychopatischen Persönlichkeit zu suchen greift deutlich zu kurz. Zurück zur Ausgangsfrage: Dürfen diese Dinge veröffentlicht werden? Dabei sollte man sich bewußt werden, dass dieselben Staaten, die sich über die Publikationen aufregen ihren Geheimdiensten auftragen wirklich geheime Informationen befreundeter und nicht befreundeter Staaten (und nicht nur welchen Charakter Westerwelle hat) herauszuspionieren, um diese Infos dann in die eigene Strategie einzubinden und gelegentlich auch über Umwege in der Öffentlichkeit zu lancieren, wenn es zielführend erscheint. Hier tun sich die verschiedenen Weltmächte wohl wenig. Und dazu gehören auch die USA. Mag sein, dass dies die Kanzlerin, Angela Merkel, im Hinterkopf hatte, als sie über den ihr unterstellten Teflon-Charakter mit Westerwelle schmunzelte.

Seine Stärke und List bestand darin, die Worte seiner Gegenüber auf die Goldwaage zu legen und stets wörtlich zu nehmen” schreibt Jürgen Mewes über Till Eulenspiegel. Und “Till Eulenspiegels Grab werden Sie in Mölln leider vergeblich suchen. Jedoch erinnert an diesen wohl doch lebensklugen, rauen Zeitgenossen, der auch heute noch den so genannten “Mächtigen” der Welt den Spiegel vorhalten und auf deren eigene Schwächen und Verfehlungen hinweisen könnte, dieser Gedenkstein an der dortigen St. Nikolaikirche.” Julian Assange wird Till Eulenspiegel – einen der niedersächsischen Dichtung entsprungenen Volkshelden –  vermutlich nicht kennen. Aber hier ergeben sich deutliche Parallelen. Ein wenig erinnert der letztlich von den Reaktionen befeuerte Hype um Wikileaks uns Julian Assange an die Eulenspiegelgeschichte mit der Frau, der Eulenspiegel verhalf den Papst persönlich zu sehen. Im Grunde nutzte Eulenspiegel gekränkte Eitelkeiten des Papstes und seiner Berater aus sich 100 Dukaten zu verdienen und der gläubigen Frau die Nähe zu ihrem obersten Hirten zu verschaffen. Ein wenig der gekränkten Eitelkeiten der Führungspersönlichkeiten nutzt Assange bzw. Wikileaks auch. Es hat auch hier die Herstellung von unangenehm offener Nähe (z.B. zu diplomatischen Gepflogenheiten) zur Folge. Also Nähe zu den betroffenen obersten weltlichen bzw. aktuell westlichen Hirten. Damit verschafft Assange und Wikileaks den einfachen Leuten aus dem Volke der westlichen Nationen eben auch andere als die üblichen medialen Einblicke in die Techniken der Macht, der Politik, Wirtschaft und der Kriegsführung, allerdings ohne damit 100 Dukaten für sich persönlich zu gewinnen. Also Assange befindet sich in eulenspiegelscher Tradition, könnte man meinen.

Bilder:

1. Wikileaks: Hardcopy eines Ausschnittes von Wikileaks.ch.

2. Till Eulenspiegel: Quelle Erich Eco: http://www.erich-hat-jetzt-zeit.de/Bernburg/Till Eulenspiegel/inhalt.htm (Bildrechte unbekannt)

Ein Kommentar

  1. Es ist schon sonderbar ruhig geworden um Wikileaks und Julian Assange. Könnte natürlich auch sein, dass da im Background einge Deals abgelaufen sind. Geld, Straffreiheit bei der Vergewaltigungsgeschichte, einen gewissen Status, wie ihn nur Länder verleihen können, wer weiss? Immerhin fällt auf, dass nach dem anfänglichen weltweiten Hype, der seinesgleichen suchte, nunmehr gegen Null tendiert. Grüße aus Berlin

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