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Quo vadis Giovanni? – Oder Giovanni di Lorenzo, was machst du?

di-lorenzo_guttenberg-800x600_dsf0357Damals in 3nach9, Freitags abends auf dem Fernsehkanal von Radio Bremen, da war die Welt noch in Ordnung. Als Giovanni di Lorenzo die Sendung mit Amelie Fried moderierte. Gehobene Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger, aber geistreich. Unterhaltung für die, die die Woche stressig rumgebracht hatten und am Abend – auf dem Sofa – sich nicht von den Privaten komplett verblöden lassen wollten. Legendär die Sendung mit Sir Peter Ustinov und Cecilia Bartoli in der Inzenierung des Fiat Cinquecento. Große Unterhaltung. Herzlichen Glückwunsch! Was ist 3nach9 heute, klar die große, schöne Blonde aus Westfalen wird besser, aber nicht gut. Di Lorenzo wird schlechter, dünner, schlechter, dünner. Wohl die Dreifachbelastung (s.u.). Aber die Sendung ist nur noch schwer zu ertragen…

Di Lorenzo vom Tagesspiegel, einer sehr ordentlichen berliner Zeitung, zu einer der wenigen Institutionen des deutschen Journalismus “Die Zeit” berufen. Zum Chefredakteur gekürt. Na ja, es ist schon ein paar Jahre her. Die Zeit wurde modernisiert. Man wollte nicht die “neuen Medien” verschlafen. Die Zeit wurde kommerzialisiert mit vielen Umfelddevotionalien für den Bildungsbürger. Der geneigte Abonnent und Leser wurde gelegentlich mit nicht bestellter Werbung zur DVD-Vorlesung der “Zeit” beschickt. Klar, die Zeitung hat es auch schwer im elektronischen Umfeld. Dennoch “Die Zeit” leistet gute Arbeit für die BRD und ihre lesekundigen und weniger lesekundigen Bürger. Chapeu!

Wäre da nicht die Beweiräucherung des kettenrauchenden allweisen und allwissenden Altkanzlers und elder statesman H. Schmidt. Der die Zeitung von links nach rechts und oben nach unten, nicht nur “auf eine Zigarette”, durchdringt. Es geht nun schon viele Jahre. Man wird den Eindruck nicht los, der Chefredakteur Giovanni sitzt im Vestibül des Vertreters des Allmächtigen auf Erden. Klar Herr Schmidt ist Herausgeber der “Zeit”.  Auch ok, er ist ein großer im Geiste und ist in der Lage anderen die Leviten zu lesen. Aber muss denn ständig diese gut erzogene, übertrieben freundliche geradezu devote Haltung sein. Ehre gebührt dem Alter und auch dem Geiste. Aber, Herr di Lorenzo, man kann es auch übertreiben, sagt der langjährige Zeitabonnent. Nun denkt sich der geneigte Chefredakteur, Herausgeber ist Chef vom Chefredateur. Na ja, der ehemalige Brioni-Kanzler Schröder verkauft ja nun auch als Obergasmann Gas für den Putin-Konzern.

Heute ist wieder Donnerstag, die neue “Zeit” ist da. Ne, schon wieder weiß der Schmidt alles besser und Lorenzo übersetzt und gibt den Schmidtanimator, für den deutschen Bildungsbürger, dachte der Autor. Falsch gedacht, wer glotzt mich den da keck mit gepressten Lippen von der Titelseite und – von rechts nach links – also, in die Vergangenheit weitblickend an? Der junge Graf aus Kulmbach. Mir kommt es fast hoch. Zum Glück hatte ich noch nicht gefrühstückt als ich “Die Zeit” aus dem Zeitungskasten holte. Karl-Theodor zu Guttenberg meint “Mein ungeheuerlicher Fehler”, sagt das Wochenblatt von H. Schmidt und di Lorenzo. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre, füllen die doch ein ganzes Dossier mit dem in den USA untergetauchten und medial in Halifax aufgetauchten Grafen. Wer will das lesen, wen interessiert wirklich, dass der Ex-Star-Verteidigungs-Tom-Cruise-Imitator-Minister, den Wunsch umsetzt sich der deutschen Öffentlichkeit zu erklären. Zu erklären? Äh, eigentlich ist er ja nur irgendwie ins Getriebe geraten, bei den vielfältigen Belastungen. Und eigentlich sind’s die anderen gewesen. Die Zeit macht sich zum Sprachrohr von KT, der festellt “Es war kein Betrug” eigentlich nur einige versehentliche falsche Zitate. Das wußten wir doch schon. Fehlt nur noch, dass der Altmeister der deutschen Weltweißheit, H. Schmidt, den Karl-Theodor an sein Schachbrett lässt. Ne, da ist ja kein Platz, da sitzt ja im Moment der Steinbrück und wartet auf die Kanzlerschaft.

Da soll der geneigte Zeitabonnent doch 19,99 Euro für das 208 Seiten schwache Pamphlet aus dem katholischen Herderverlag ausgeben, um von den Lippen des Chefredateurs der “Zeit” die Schlüsselfragen zur Welt des Karl-Theodor aus Kulmbach zu Guttenberg gestellt zu bekommen. So erfahren wir, dass er, der KT,  eigentlich eine “Patchworkarbeit” verfasst habe, “die sich am Ende auf mindestens 80 Datenträger verteilt” habe. Irgendwie erinnert mich das an die Zeiten mit den 1,4 Megabyte Disketten. Zur Zeit meiner Promotion, als Festplatten noch die Größe von PKW-Rädern hatten, habe ich maximal 4 Disketten benutzt für das Schreiben der Dissertation. Eine Diskette mit WordStar, einem in den 80’ger Jahren – ja, es gab eine Zeit vor der Microsoft – angesagten Textverarbeitungsprogrammes, das man in den Speicher des für den einfachen Studenten gerade erschwinglichen “Schneider CPC” laden konnte und eine für den Text und die Daten der Arbeit. Die anderen beiden als Backupmedium.

Hat der Karl-Theodor denn noch einen so alten Computer? Oder hatten mindestens 80 Ghostwriter jeweils eine Festplatte auf die sich dann die Arbeit verteilte, so dass man beim zusammenstückeln die Zitate vergessen hatte? Wir werden es wohl vorerst nicht erfahren.

Aber warum macht Giovanni di Lorenzo, ein bedachter Kopf, sich und “Die Zeit” zur Bühne dieses Karl-Theodor zu Guttenberg aus Kulmbach? Unglaublich! Ist es denn wirklich mehr als das Auflagenkalkül, dem täglich ja auch die Bildzeitung mit der Guttenberg-Show unterliegt? Aber vielleicht ist der von KT in der Zeit eingestandene “Fehler” in einem ansteckenden Virus auf di Lorenzo übergegangen. Schade, Herr Chefredakteur? Da helfen auch die in der gestrigen “Zeit”  abgedruckten 2 Seiten mit fassungslosen Leserbriefen nicht. Schade, aber hoffentlich sind Chefredakteure, die auf dem Olymp der deutschen gedruckten Journalistenwelt angekommen sind, lernfähig. Schau mer ma, dann seh ma scho, um mit dem Fußballkaiser zu enden.

P. S. Auch nach der Lektüre der Stellungnahme di Lorenzos in der Zeit (http://www.zeit.de/2011/49/Leserkritiken-Guttenberg) zu den Vorhaltungen der Zeit-Leser bleibt ein “Geschmäckle” Herr di Lorenzo. Mit Verlaub, sie haben die Auflage der Zeit möglicherweise gesteigert, dem Herderverlag zu einem Buch verholfen, das sich leider gut verkauft und damit natürlich auch Geld verdient – was gegönnt sei – Sie lagen aber in dieser Sache deutlich  und unerträglich daneben. Die Frage ist doch auch welcher wichtigen Sache Sie statt dessen Ihre Tatkraft und Ihren Intellekt hätten spenden können.

von Vincke

Weiterführende Literatur:

Die Zeit: Giovanni di Lorenzo Warum dieses Interview?

OliverLepsius, Reihnhart Meyer-Kalkus (Hrsg:): Inszenierung als Beruf – Der Fall Guttenberg (Suhrkamp, 2011)

SZ: “Neue Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg”

Welt Online: Ein Plagiat kommt selten allein

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